Tiroler BäckerInnen

17.12.2018

„Gemeinschaft ist wie ein gutes Brot“

Seit einem Jahr ist Bischof Hermann Glettler als geistiges Oberhaupt Tirols in Amt und Würden. Das täglich‘ Brot sieht er als wertvolle Nahrung für Körper UND Seele. Bei einer guten Tiroler Marend‘ spricht er über seine persönliche Brotkultur, die Bedeutung von Brot im religiösen Kontext und in der Kunst sowie das „Brot der Gemeinschaft und der Anerkennung“, das wir gerne noch viel öfter teilen dürfen. Außerdem verrät der „staatlich geprüfte Mehlspeis-Tester“, was er sich als oberster Seelsorger in der sicher nicht stillsten Zeit des Jahres für die Menschen im Land zu Weihnachten wünscht.

Weil wir gerade bei einer Marend‘ der Tiroler Bäckerinnung zusammensitzen: Welchen Stellenwert besitzt das Lebens- und Genussmittel Brot in Ihrem täglichen Leben? Welche Brot-Zeit ist Ihnen die wichtigste des Tages?
Brot spielt für mich eine große Rolle. Zum Frühstück gibt’s meistens ein selbstgebackenes Weckerl von unserer Köchin im Bischofshaus – sehr gut gewürzt, ein gediegenes Schwarzbrot. Das mag ich derzeit am liebsten. Gelegentlich kann es auch mal eine köstlich frische Semmel sein. Abends bildet oft auch eine gute Brotzeit den Tagesausklang. Am Sonntag nehme ich zum Frühstück gerne süßes Brot, wenn möglich einen Striezel.

Schaffen Sie es in Ihrem zeitlich anspruchsvollen Beruf überhaupt, Essen als genussvollen Akt zu zelebrieren?
Meistens schon. Ich weiß um den Wert einer bewussten Mahlzeit und bin ja grundsätzlich kein Kostverächter. Ich lade gelegentlich auch gerne Gäste ein – so wie heute – und werde oft eingeladen. Aber Sie haben Recht, auch als Bischof bin ich Teil von einer sehr temporeichen Lebensweise. Mit jemandem zu essen, ist etwas sehr Kostbares – das braucht eine Familie, zumindest an einigen Fixpunkten in der Woche, das schätzen die Kinder, das stärkt eine Freundschaft. Mit einer „Fast Food Mentalität“ verarmt unsere Kultur, d.h. unser Leben.

„Ich sehe hier in Tirol eine große Vielfalt – auch im Angebot verschiedener Brotsorten.“

Konnten Sie hierzulande in Ihrem ersten Jahr neue regionale Spezialitäten entdecken?
Ich bin zwar nicht der ausgewiesene Brot-Gourmet, aber ich sehe hier in Tirol eine große Vielfalt im Angebot. Ganz neu war mir zum Beispiel das Schüttelbrot, das sich zuerst ein bisschen eigenartig anfühlt, aber richtig toll schmeckt – sehr gehobenes Knabbergebäck zu einem Glaserl Wein und etwas Käse dazu.

„In Tirol bin ich sehr herzlich aufgenommen worden.“

Haben Sie manchmal Heimweh?
Menschen, mit denen ich viele Jahre freundschaftlich verbunden war, gehen mir schon ab – meine Familie, die ich zumindest zu allen „heiligen Zeiten“ sehe, Freunde und Bekannte, besonders aus der langen Zeit in Graz, nicht zuletzt auch aus meinen ehemaligen Pfarrgemeinden. Aber Berufung in die Nachfolge Jesu inkludiert eben auch die Bereitschaft, immer wieder neu aufzubrechen. Zum Glück kann ich mich auf neue Situationen recht rasch einstellen. Das kommt mir zugute. Und in Tirol bin ich sehr herzlich aufgenommen worden. Dafür bin ich sehr dankbar.

„Der herrliche Duft vom frischen Brot hat das ganze Haus erfüllt. Da rieche ich Kindheit.“

Gibt es denn ein Stück steirische Backkultur, die Sie in Tirol vermissen? 
Wenn ich an steirische Backkultur denke, habe ich diese schöne Kindheitserinnerung abgespeichert: Bei uns zu Hause ist regelmäßig Brot gebacken worden. Das Anrühren vom Teig, das Stehenlassen, das Formen vom Brotlaib und das Einschieben des Brotes in den alten Herd. Der herrliche Duft vom frischen Brot hat das ganze Haus erfüllt. Da rieche ich Kindheit. Und wer immer das frische Brot angeschnitten hat, musste es vorher segnen, drei Kreuzerl. Weggeschmissen wurde nichts. Wenn es tatsächlich mal zu hart wurde, gaben wir es den Tieren als Futter. Am elterlichen Bauernhof war ein sorgfältiger Umgang mit dem Lebensmittel Brot selbstverständlich. Während meiner Tätigkeit als Pfarrer in Graz habe ich mehrere Bäckereien erlebt, die ein sehr hohes soziales Engagement zeigen und nicht verkauftes Tagesbrot für soziale Einrichtungen zur Verfügung stellen. Solche Initiativen mit sozialer Verantwortung gibt es zum Glück ja auch hier in Tirol. Danke allen Bäckern, die gute Arbeit leisten und vor allem auch jenen, die mit dem Rest in so vorbildlicher Art umgehen.

„Warum stehen Ochs und Esel in der Krippe?“

Welche Bedeutung messen Sie einer Kultur regionalen, nachhaltigen Denkens und Handelns in der Produktion und im Konsum von Lebensmitteln zu? Wie wichtig sind die kleinen, heimischen Produzenten vor Ort, unter ihnen der alteingesessene Bäck‘?
Regionalität ist ein sehr wichtiges Thema und Anliegen. Wir werden zunehmend dafür sensibilisiert. Lassen Sie mich das vielleicht anders beantworten und kurz abschweifen. Wussten Sie, dass Bethlehem übersetzt „Haus des Brotes“ bedeutet? Im ärmlichen Stall liegt Jesus in der Futterkrippe – eine deutliche Anspielung, da er selbst die wichtigste Nahrung für den Menschen ist. Jesus ist Gott, der sich schenkt, damit der Mensch innerlich aufgebaut wird. Und wussten Sie, warum Ochs und Esel dabeistehen? Man glaubt fälschlicherweise, das wurzele in der alpenländischen Tradition. Dabei hat es seinen Ursprung in einem Vers beim Propheten Jesaja: „Der Ochs kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn. Mein Volk aber hat keine Erkenntnis.“ (Jes 1,3) Übersetzt in die heutige Zeit: Der Mensch hat vergessen, wo seine Nahrung herkommt – die körperliche wie die geistige. Das Brot kommt von der Industrie, die Milch von Großbetrieben. Aber wer steckt dahinter? Wer sorgt dafür, dass alles wächst? Regionalität fokussiert uns auf eine geografisch überschaubare Größe. Regionale Produkte stiften Identität: Das ist unser Brot, unser Fleisch, unser Obst & Gemüse. Damit einher geht auch wieder eine wachsende Dankbarkeit für alle Lebensmittel, die wir zur Verfügung haben.

„Unser täglich‘ Brot gib uns heute.“

Dem Brot kommt in der Bibel im Alten wie im Neuen Testament große Bedeutung zu. Welches ist für Sie das bedeutendste Bibelzitat im Zusammenhang mit Brot?
Die Bitte um das tägliche Brot ist zentral im Gebet Jesu, im Vater Unser: „Unser täglich‘ Brot gib uns heute.“ Da betet man oft unbedacht drüber, aber das ist die Kernaussage: „Gib uns täglich das, was wir zum Leben brauchen.“ Jesus knüpft mit dieser Bitte an die Erfahrung des Volkes Israel in der Wüste an. Dort wurden sie mit dem Manna gespeist. Eine geheimnisvolle Nahrung, etwas Weißes, Knuspriges, das täglich im Freien zu finden war. Man konnte es nicht aufbewahren. Ein starkes Bild, denn täglich brauchen wir Gottes Unterstützung. Er lässt täglich (!) uns alles Nötige zukommen, was wir zum Leben brauchen. Eine Schule des Vertrauens! Aber wir dürfen seine Gaben nicht horten, um uns einzubilden, dass wir alles selbst in der Hand haben. 

„Für die Seele braucht es genauso Nahrung.“

Brot ist also in der Bibel eine Nahrung, die nicht nur den Körper, sondern auch die Seele nährt?
Brot ist in vielen Kulturen ein Grundnahrungsmittel, in dem alles zusammengefasst wird, was der Mensch zum Leben und Überleben braucht. Aber für die Seele braucht es genauso Nahrung. Darauf weist uns Jesus hin, wenn er im Johannesevangelium sinngemäß sagt: „Ich bin das lebendige Brot vom Himmel. Wer mich aufnimmt, empfängt ewiges Leben.“ Daran kann man schon den Stellenwert des Brotes in unserer Religion erkennen. Das ist natürlich auch Kultur bedingt unterschiedlich. Ihren absoluten Höhepunkt hat die Brot-Symbolik im christlichen Abendmahl, in der Feier der Eucharistie. Jesus deutet das Brot als seinen eigenen Leib: „Das bin ich für Euch!“ Er schenkt damit sich selbst, seinen Leib in dieser extrem einfachen Form der gewandelten Hostie. Zu diesem heiligen Ritual gehört auch das Brechen des Brotes – eine Geste, die auf den Tod Jesu, auf sein Gebrochen-Werden auf Golgota hinweist. Eine zusätzlich, aber nicht unwichtige Tradition gibt es seit den Anfängen des Christentums, nämlich die Agape, das Mahl der Geschwisterlichkeit nach einer heiligen Feier. Das wird in unterschiedlicher Form in fast allen christlichen Kirchen und Pfarrgemeinden praktiziert. Meist eben auch ein Brot, das man miteinander teilt.

Mahlhalten und Essen hat also eine besondere Bedeutung im Evangelium, nicht wahr?
Ja, denn Jesus hat mit allen möglichen Leuten Mahl gehalten. Mit den Reichen und mit den Armen, aber vor allem auch mit den stadtbekannten Sündern, mit Zöllnern, Prostituierten … Diese einladende Geste, diese bewusst gewollte Mahlgemeinschaft hat hohen Symbolcharakter, auch einen religiösen.  Im jüdischen Verständnis wird durch die Tischgemeinschaft auch Gemeinschaft mit Gott zugesprochen. Was umgekehrt natürlich auch bedeutet: Mit einem Sünder am Tisch ist deine eigene Gottesgemeinschaft gestört oder verloren. Das hat Jesus provoziert, wenn er mit sogenannten „unreinen“ Menschen Mahl hält.

Weiß ich um die Kostbarkeit dieses heiligen Brotes?

Bestärken Sie diese gemeinschaftsstiftenden Gedanken darin, die Kommunion auch Menschen zu gewähren, die bisher davon ausgeschlossen waren? Stichwort: Kommunion für Alle?
Dieses Schlagwort ist mir zu plakativ, das möchte ich so nicht verwenden. Die Kommunion ist ein sehr großes Geschenk. Jeder soll sich vor dem Empfang der eucharistischen Kommunion fragen: „Passt das für mich heute? Bin ich vorbereitet? Weiß ich um die Kostbarkeit dieses heiligen Brotes? Bin ich im Herzen mit meiner Umgebung versöhnt oder widerspricht etwas der tiefen Gemeinschaft, die mir jetzt angeboten wird?“ Ich plädiere also für Achtsamkeit beim Kommunion-Empfang. Ich möchte aber nicht Menschen – zum Beispiel Wiederverheiratete – ausschließen, die sich lange geprüft haben und einen Weg der Versöhnung gegangen sind. Es kann für sie Gründe geben, bewusst zur Kommunion zu gehen und auch Gründe, bewusst darauf zu verzichten. 

Herr Bischof, auch als „Kunstpriester“ wurden Sie schon oft bezeichnet. Die Kunst & das Brot – was fällt Ihnen dazu spontan ein?
Josef Fink, ebenfalls ein Künstler und Geistlicher aus der Steiermark, hat einmal im Rahmen einer Ausstellung ein Stück Schwarzbrot mit vier Nägeln an die Wand genagelt. Das ist für mich ein unglaublich starkes, signifikantes Kunstwerk geworden, weil es natürlich an die Kreuzigung erinnert. Da verstehst du plötzlich das Kreuz, du verstehst die Verbindung mit dem letzten Abendmahl, das Hingerichtet-Werden, das Sich-zur-Speise-Geben. Ich selbst habe einmal eine Arbeit gemacht, eine Brotdose, auf deren Bodenplatte ein Schwarz-Weiß-Foto vom Boden einer Kapelle in Ruanda zu sehen war. Diese Kapelle war während des Genozids dort geschändet worden. Die Hostien vom Tabernakel lagen auf dem Boden, hingestreut zwischen Stühlen, Gebetsbüchern und – auch Knochenüberresten von Menschen, die dort eingeschlossen und verbrannt wurden. In der Kunstentwicklung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben KünstlerInnen der Pop Art, des Fluxus und der Performance-Art das Essen – so auch das Brot – und dessen Vergänglichkeit intensiv thematisiert. Eine zentrale Aussage, die sich in vielen Kunstwerken und Inszenierungen durchhält: Essen ist höchster ästhetischer Genuss – und trotzdem zugleich eine Art von „Vernichtung“ der Speisen – Vertilgung, Energieaufnahme und Transformation. So gesehen ist das Lebensmittel Brot ist ja bereits transformierte Energie, wir nehmen sie in uns auf, stärken damit Körper und Geist. Daniel Spoerri zum Beispiel hat die Utensilien und Relikte einer großen Mahlzeit, Geschirr und Lebensmittelreste auf einer Tischplatte fixiert und als Bild ausgestellt. Würde ich weiter nachdenken, fiele mir sicher noch etwas ein.

„Gemeinschaft ist ja auch ein Brot, das man teilt.“

Sie sind viel unterwegs in Tirol. Wie schaut es Ihrem Empfinden nach aus im Heiligen Land mit der Nächstenliebe, mit der Gemeinschaft, mit Toleranz und Willkommenskultur?
Das Zusammengehörigkeitsgefühl wird in Tirol grundsätzlich hochgehalten. Solidarität hat wirklich viele Gesichter. Für den guten Zusammenhalt in den Dörfern leisten auch die vielen Vereine einen wichtigen Beitrag. Gemeinschaft ist ja auch ein Brot, das man teilt. Brot steht da als Symbol für Anerkennung und Wertschätzung. Ausbaufähig ist das soziale und solidarische Netz natürlich immer. Gefährlich wird’s, wenn man beginnt, bestimmte Gruppen zu stigmatisieren, immer deutlicher zu benennen als die, die eine Gefahr darstellen. Ob das Sozialhilfeempfänger sind, Arbeitslose, Fremde, Zugewanderte, Flüchtlinge, … Auf sie kann man leicht hinzeigen und mit rohen Worten auch „hinschlagen“. Diese Menschen jedoch aufzunehmen, Barrieren abzubauen, einander menschlich zu begegnen – all das sehe ich als Dauerauftrag für uns alle. Um einen Beitrag zur aktuellen Asyldebatte zu geben: Gerade junge Leute, die aktiv und engagiert in einer Ausbildung eines Mangelberufes stehen, sollten unbedingt im Land bleiben dürfen. Wir brauchen sie. Aus volkswirtschaftlichen Gründen und aus humanitären Überlegungen ist deren Abschiebung sehr zu hinterfragen.

Stichwort Facharbeitermangel. Nehmen wir den Tourismus als Haupt-Wirtschaftszweig in Tirol: Kann und soll in dieser Hinsicht auch Kulturaustausch stattfinden?
Ja, ich denke schon. Zum Thema Kulturtransfer eine aussagekräftige Geschichte aus Graz, wo ich doch fast die Hälfte meines Lebens verbracht habe: Ein Bekannter von mir betrieb ein traditionelles Restaurant mit typisch altsteirischen Schmankerln, wo ich gerne mit Gästen hingegangen bin. Eines Tages, als ich das gute Essen wieder einmal gelobt hatte, führte er mich in die Küche, um mir zu zeigen, wer für ihn kocht: Alles Ghanesen. Sie machen höchstprofessionell steirische Schmankerln! Und diese Gruppe der afrikanischen Köche haben einen enormen Ehrgeiz entwickelt: Wenn einer aus dem Team ausgeschieden ist, haben die selbst geschaut, dass wieder jemand angestellt wird, der die Qualität ihrer Arbeit weiterführt. Ein Vorzeigeprojekt interkultureller Zusammenarbeit.

Man muss den Leuten nur etwas geben, worauf sie stolz sein können. Dann werden Sie es mit dem Herzen machen?
Ja, freilich. Das ist das Brot der Anerkennung, das den Selbstwert aufbaut. Und dieses Brot kann man nicht genug miteinander teilen. 

„Advent ist eine schöne, aber hochenergetische Zeit.“

Draußen vorm Fenster am Domplatz ist es angenehm ruhig. Aber wenn man ein paar Meter weiter geht, naja…. Haben wir jetzt gerade wirklich die stillste Zeit des Jahres?
Die Adventzeit als stille Zeit zu beschwören, das bringt kaum etwas, das ist ein falscher Harmonisierungs- oder Idealisierungsversuch. Im Advent sind wir alle hoch beschäftigt, das Jahr will abgeschlossen werden, fürs nächste wird vorausgeplant. Es stehen für einige Firmen noch Arbeiten an, die unbedingt vor dem Neuen Jahr erledigt werden müssen. In der Schule gibt es eine Menge von Veranstaltungen, zu denen auch die Eltern kommen sollten. Und die vielen Benefizaktionen … Wie soll das denn eine stille Zeit werden? Advent ist eine schöne, aber hochenergetische Zeit. Für mich beginnt die stille Zeit erst nach dem Weihnachtsfest. Trotzdem versuche ich, im Tagesverlauf mindestens eine halbe Stunde lang in der Kapelle Stille zu finden, zusätzlich zum Gottesdienst und zum Stundenbuch. Wenn ich diese Kraftmomente nicht habe, geht mir etwas Wesentliches ab. 

„Ich bin ja ein staatlich geprüfter Mehlspeis-Tester.“

Für einen süßen Genussmoment ist bekanntlich immer Zeit. Was ist denn Ihr liebstes Weihnachtsgebäck? Gibt es zum Beispiel Bischofsbrot im Bischofshaus?
Gibt es natürlich. Ich bin ja ein staatlich geprüfter Mehlspeis-Tester. Dieser Scherz stammt von meinem Vater, ein netter Ausdruck, weil er sich auch gerne auf die süße Seite schlägt. Vom süßen Angebot mag ich »leider« alles. Ich habe sehr gerne Lebkuchen oder einen Zelten, wie man hierzulande sagt, auf Steirisch: Kletzenbrot. Gerne mit a bisserl Butter drauf. Das gehört für mich schon sehr stark zur Adventzeit. 

Wussten Sie, dass der Christstollen hinsichtlich Form und Oberfläche das in Windeln gewickelte Jesukind symbolisiert? Wenngleich er früher ein mageres Fastengebäck aus Hafer, Wasser und Rübenöl für das Adventfasten war.
Nein, wirklich? Toll! Jetzt erwähne ich auch noch ein Beispiel für ein spezielles Gebildbrot zu einem religiösen Anlass: Der Zopf ist bei uns in der Steiermark ganz typisch für Allerheiligen. Wenn man dieses Gebildbrot macht, muss man ja die Teigstränge miteinander verzopfen. Und die scheinbar symbolische Bedeutung ist, dass man die Lebenden und die Verstorbenen miteinander verwebt. Zumindest meine Großmutter hat das immer behauptet. Dieses Ineinanderweben von Leben und Tod finde ich eine schöne Symbolik.

„If there is no smile, make a smile.“

Was ist für Sie als Tirols Oberhirte ein Herzenswunsch bzw. was wünschen Sie Ihren „Schäfchen“ – nicht nur zu Weihnachten?
Dass wir darauf achtgeben, die Lebensfreude nicht zu verlieren. Bei vollen Supermarktregalen und Kühlschränken kann das nämlich schnell passieren. Die Lebensfreude, auch eine belastbare, ist etwas Kostbares, zerbricht leicht oder versiegt in einer Unkultur der Gier, der Nicht-Wertschätzung des Anderen. Dann ist die Freude gleich einmal „beim Teufel“. Mutter Teresa hat einmal gesagt: „If there is no smile, make a smile.“ In unserer tribunalisierten Gesellschaft geht es oft vorrangig ums Anklagen, ums Verurteilen, ums Absichern, damit man ja nicht juridisch angreifbar ist. Es braucht aber eine Kultur des Verzeihens, der Versöhnung. Was den sozialen Zusammenhalt betrifft, wünsche ich mir, dass man auch denen, die mit dem Optimierungsstress nicht mithalten können, Räume und Möglichkeiten zur Partizipation am Gemeinschaftsleben sichert, damit sie ihre Würde nicht verlieren. Meine drei Herzenswünsche sind also: Freude, Versöhnung und Solidarität.

Vielen herzlichen Dank für das sehr interessante Gespräch!
Vielen Dank auch an die Tiroler Bäckerinnung, die das möglich gemacht hat.  

5 kurze Fragen an Bischof Hermann

Schwarz oder weiß oder bunt gemischt?
Bunt gemischt! Ich liebe die Vielfalt, auch beim Brot.

Haben Sie Tirolerisch als weitere Fremdsprache schon intus?
I fühl mi scho gånz dahoam då. Die Vielzahl der Tiroler Dialekte ist Weltklasse!

Das wichtigste biblische Zitat in Bezug auf Brot?
Jesus sagt: „Ich bin das Brot des Lebens.“

Die stillste Zeit ist für mich:
Zwischen elf Uhr nachts und sechs Uhr am Morgen. Ich schlafe Gott sei Dank ganz gut.

Mein größter Weihnachtswunsch: Den Frieden, den Gott uns als Weihnachtsgeschenk anbietet, annehmen und mit möglichst vielen Menschen teilen!

Vita Bischof Hermann Glettler

Hermann Glettler wurde am 8. Jänner 1965 in der Marktgemeinde Übelbach in der Steiermark als Bauernsohn geboren. Der „einfache, aber authentische Glaube“ seiner Eltern hat ihn auf dem Weg zu seiner Berufung gestärkt. Wichtig war für ihn die Begegnung mit der katholischen Gemeinschaft Emmanuel, der er seit 1987 auch angehört.

Nach seiner Schullaufbahn am Bischöflichen Seminar und Gymnasium in Graz studierte er Theologie und Kunstgeschichte in Graz, Tübingen und München. Am 23. Juni 1991 wurde Hermann Glettler zum Priester für die Diözese Graz-Seckau geweiht. Nach Kaplansjahren in Judenburg-St. Nikolaus und Wagna verbrachte er ein Fortbildungsjahr 1998/99 in St. Nicolas des Champs in Paris. 
Von 1999 bis 2016 war er Pfarrer im Pfarrverband Graz St. Andrä-Karlau. Das von ihm initiierteProjekt „Andrä Kunst“ sorgte für Furore, durch das die Kirche von St. Andrä zu einem besonderen Kunst- und Gebetsraum wurde. Zusätzlich zur Kunstvermittlung war und ist Hermann Glettler auch als eigenständiger Künstler tätig.

Als Pfarrer im multikulturellen Bezirk Graz-Gries engagierte er sich besonders auch für sozial Benachteiligte und Flüchtlinge. Er gehörte auch der Kommission für den interreligiösen Dialog und der Kunstkommission der Diözese an. Im September 2016 wurde er zum Bischofsvikar für Caritas und Evangelisation in der Steiermark bestellt.
Am 27. September 2017 wurde Hermann Glettler von Papst Franziskus zum Bischof der Diözese Innsbruck ernannt. Die Bischofsweihe erfolgte am 2. Dezember 2017 in der Innsbrucker Olympiahalle.

Das Gespräch mit Bischof Hermann führte Hansjörg Pichler, Autor der ersten Stunde von www.tiroler-baeckerinnen.at. Für ihn war es ein Advent-Highlight, just am 6. Dezember, dem Nikolaustag und Gedenktag des Hl. Bischof Nikolaus, mit Bischof Hermann bei einer gemütlichen Brot-Jause über Genusskultur und die vielgestaltige Bedeutung von Brot zu sprechen. Vielen Dank an Diözesan-Pressereferent Michael Gstaltmeyr, der dieses Interview möglich gemacht hat.