Tiroler BäckerInnen

Hansjörg Pichler
03.07.2018

Auf eine Marend mit Willi Denifl

„Brot ist nicht gleich Brot. Diese Erkenntnis setzt sich durch.“

Der Stubaier Willi Denifl, Olympiamedaillengewinner 2018 und Weltmeister in der Nordischen Kombination, ist gelernter Bäcker und liebt gutes Brot. Was er darunter versteht, wie es ihn auf der ganzen Welt begleitet und warum er zwei Heimaten hat, erzählt er bei einer guten Tiroler Marend‘ vom „Ötztal Bäck“ während seines Trainingslagers in Längenfeld.

Wie deine Homepage verrät, wolltest du als Kind Dompteur werden. Es ist anders gekommen, wie wir wissen.
Ja, das stimmt. Ich war und bin immer noch von der Kraft, Eleganz und Schnelligkeit von Tigern und Löwen fasziniert. Geniale Tiere. Aber es gibt eben nicht so viele von ihnen im Stubaital und so bin ich zum Skispringen gekommen.

Und zum Bäckerberuf, sozusagen als Familienangelegenheit.
So ist es. Ich bin bekanntlich in einer Bäckerfamilie groß geworden. Ich habe schon als kleiner Bub immer gerne mit meinem Vater als Vorbild in der Bäckerei gearbeitet und ihm geholfen. Auch in der Nacht oder vormittags beim Ausliefern. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht. Auch später – neben dem Sport – habe ich immer in der Bäckerei mitgeholfen und die letzten Jahre im Bäcker-Beruf den Betrieb auch zusammen mit meinen Eltern und meiner Frau geführt.

„Es ist heutzutage nicht mehr so einfach, einen guten Bäcker zu finden. Ich finde es gut und wichtig, dass es doch noch Betriebe gibt, die auf Qualität achten. Auch die Kunden kommen wieder zurück auf das echte Handwerk der Bäcker.“

Wann kam dann der Wendepunkt, die Entscheidung, dich ganz dem Sport zu widmen?
Das war Mitte 2012, da sah ich mich nicht mehr aus, die Bäckerei und den Sport unter einen Hut zu bringen. Natürlich waren meine Eltern enttäuscht, aber sie haben es mir immer freigestellt und meine Beweggründe verstanden. Sie haben es mir so ermöglicht, mein Hobby zum Beruf zu machen und im Sport meinen Weg zu gehen. Es war für mich kein leichter Schritt, aber am Ende war das meine Entscheidung und es passt, so wie es ist.

Wie deine Homepage ebenfalls verrät, beginnt dein perfekter Tag mit einem guten Frühstück. Auf was kannst du dabei keinesfalls verzichten?
Auf ein gutes Brot und Kaffee! Es ist ja heutzutage nicht mehr so einfach, einen guten Bäcker zu finden.

Aus deiner Erfahrung als Bäcker, als Genießer und als Sportler: Was macht ein gutes Brot aus? Was gibt dir Kraft?
Der Geschmack und die Vollmundigkeit. Nach dem Brotgenuss sollte die Sättigung lange anhalten und nicht schon zwei Stunden nach dem Frühstück der Hunger wiederkommen. Der Teig braucht Zeit, sich zu entwickeln und das merkt man bei einem guten Brot am Geschmack!

An dieser Stelle passt die Frage nach deiner liebsten Brotsorte.
Am liebsten esse ich Sauerteigbrot, Dinkel- und Roggenbrot, weil ich aus den Brotsorten am meisten für mich rausholen kann. Ich esse aber auch ein Mal pro Woche Gebäck, denn ich bin einfach auch Genießer!

Wir leben ja in einem gesegneten Land, was die Brotkultur angeht. Nun kommst du auf der ganzen Welt herum. Was war dein schönstes Erlebnis mit Brot anderswo, was dein schlimmstes? Freust du sich manchmal auf den vertrauten Brotgeschmack zu Hause?
Nein, nicht manchmal, IMMER! Das Schönste ist, wenn meine Eltern zu einem Wettkampf kommen irgendwo in ein fernes Land und mir ein von ihnen selbstgebackenes frisches Brot mitbringen! Und ganz ehrlich: Ich nehme gern mein eigenes Brot mit. Denn das Schlimmste ist für mich auf Überseereisen, nur sehr sehr schwer, gutes Brot zu bekommen.

Erstaunlich: Wie nimmt man auf eine lange Reise selbstgebackenes Brot mit?
Ich habe mit meinem Vater nach Brotsorten gesucht, die ich mitnehmen und so verpacken kann, dass es mindestens zwei Wochen hält.

Du lebst in der Steiermark, die elterliche Bäckerei ist weit weg. Backst du bei dir zu Hause selbst?
Nicht so oft. Aber ich habe in der Steiermark einen sehr guten Freund, der Bäcker ist und mich sehr gut versorgt. Das ist ja das Gute an „kleinen“ Bäckereien: Mit denen kann man reden und da bekomme ich, was ich brauche.

Welchen Stellenwert besitzt Brot für dich in der Gesellschaft?
In den letzten Jahren einen zu niederen! Vor nicht so langer Zeit hat es überall „kleine“ Bäcker gegeben und dann kam die Wende mit den ganzen Diskountern, wo das Meiste nur mehr über den Preis passiert ist. Da sind sehr viele nicht mehr mitgekommen und mussten zusperren. Ich finde es gut und wichtig, dass es doch noch Betriebe gibt, die auf Qualität achten. Auch die Kunden kommen wieder zurück auf das echte Handwerk der Bäcker. Brot ist nicht gleich Brot. Diese Erkenntnis setzt sich wieder durch.

Was hat dich von Tirol weg in deine Wahlheimat Weißkirchen im Murtal geführt? Die Liebe, wie in vielen Fällen?
Indirekt. Meine Frau Ute kommt zwar aus Weißkirchen, aber es war mehr ein Zufall, dass wir dort sesshaft geworden sind. Nach meinem Entschluss, die Bäckerei nicht weiterzuführen, haben wir uns nach einem Baugrund umgeschaut und sind dann mehr oder weniger zufällig bei einem Urlaub hier in Weißkirchen bei ihrer/unserer Familie auf dieses Grundstück gestoßen. Es hat dann einfach gepasst und ich bin dankbar, dort ein Zuhause gefunden zu haben.

„Natürlich liebe ich in Tirol die hohen und steilen Berge, aber es taugt mir auch in der Steiermark volle. Ich werde immer ein Stubaier bleiben, denn dort komme ich her und werde es auch nie vergessen. Jetzt habe ich halt zwei Heimaten!“

Beschreib uns ein wenig die Gegend, in der du lebst.
Viele meinen, dass ich ins „Flachland“ gezogen bin, so ist es aber nicht. Wir leben am Ausläufer des Murtales und es gibt einige Berge rundherum. Nicht wie im Stubai mit Dreitausendern links und rechts. Natürlich liebe ich in Tirol die hohen und steilen Berge, aber es taugt mir auch in der Steiermark volle. Für mich war es auch in sportlicher Hinsicht sehr cool, wieder alles neu zu entdecken und neue Wege zu gehen.

Und die Verbindung zum Stubaital hältst du mit regelmäßigen Besuchen aufrecht, Stichwort: Hauptsponsor?
Natürlich, das ist meine Heimat, wo ich aufgewachsen bin. Jetzt komme ich noch oft für Veranstaltungen ins Stubai, denn – wie du richtig sagst – das Tal ist auch mein Hauptsponsor. Ich kann jetzt immer an meinem Herkunftsort Urlaub machen und genieße diese Zeit. Ich bin auch im Stubai immer in den Bergen unterwegs, denn dort hole ich mir immer meine Kraft.

Was ist für dich Heimat?
Heimat ist für mich dort, wo man sich wohlfühlt. Jeder hat so seine Vorlieben und für mich ist es schon wichtig, am Land zu wohnen und in der Natur zu sein. Ich werde immer ein Stubaier bleiben, denn dort komme ich her und werde es auch nie vergessen. Ich sehe es jetzt einfach anders und erlebe es auch intensiver, wenn ich mit meinen vielen Freunden dort unterwegs bin. In der Steiermark habe ich mich einfach von Anfang an wohl gefühlt. Jetzt habe ich halt zwei Heimaten!

Reden wir über den Sport: Kannst du dich zurzeit – während der Sommersaison – etwas erholen?
Erholung läuft bei mir über das Training. Viele denken ja, dass es nach der Saison mal zwei Monate nix zu tun gibt und ich Urlaub habe. Dem ist aber nicht so. Ich habe schon zwei Tage nach dem Weltcupfinale wieder mit dem Training für die nächste Saison begonnen und es geht täglich so weiter. Im August werde ich mal eine Woche auf Urlaub fahren und die Zeit mit meiner Familie am Strand genießen.

„Das Schönste ist, wenn meine Eltern zu einem Wettkampf kommen irgendwo in ein fernes Land und mir ein von ihnen selbstgebackenes frisches Brot mitbringen!“

Apropos Familie: Was unternimmt der Papa mit Frau und Töchtern, wenn er nicht grade Weltcup- oder olympische Medaillen erkämpft?
Es ist natürlich nicht so einfach, Familie und Sport unter einem Hut zu bekommen. Aber ich versuche schon, mir das Training so einzuteilen, dass ich am Nachmittag Zeit für meine Familie habe. Es ist halt zurzeit noch so, dass es für mich keine Sonn- oder Feiertage gibt, denn trainieren tu ich täglich. Aber die Karriere ist eh zeitlich begrenzt und wird nicht mehr so lange dauern.

Was sind deine wichtigsten sportlichen Ziele in nächster Zeit?
Es steht ja die Nordische Ski-WM 2019 in Seefeld auf dem Programm und dort möchte ich noch einmal alles aus mir rausholen. Für mich ist es ja fast ein Heimspiel, denn das Stubai ist nicht weit weg und auf dem Bergisel hatte ich auch noch nie das Vergnügen, einen Wettkampf zu bestreiten. Das wäre schon ein cooler Abschluss für mich.

Erzeugt deine Olympische Bronze-Medaille in dir – neben großer Freude – auch Druck für die kommende Saison?
Nein, überhaupt nicht. Es war für mich eine riesen Last, die mir von den Schultern gefallen ist. Ich hatte noch keine olympische Medaille und das wollte ich schon einmal erreichen. Das es dann bei meinem letzten Auftritt als aktiver Sportler geklappt hat, macht mich schon ein wenig stolz. Für mich war es einfach eine Erlösung, eine Befreiung und es hat mir einfach so getaugt, dass sich so viele Leute mit mir gefreut haben. Alles, was noch kommt, ist einfach Draufgabe und ich genieße es, das zu machen, was ich am liebsten tue!

War das – zusätzlich zur sportlichen Leistung – der emotionale Höhepunkt deiner bisherigen Laufbahn?
Ja, gleichauf mit meinen zwei Medaillen – Gold und Silber – bei der WM. Aber für mich persönlich zählt eigentlich noch mehr, dass ich nie aufgegeben habe, an mich zu glauben und immer weiter gemacht habe.

„Im Sport gibt es meistens mehr Rückschläge als Erfolge. Am Ende muss man einfach ein Mal mehr aufgestanden sein als hingefallen.“

Was war dein größter Rückschlag?
Oh, da gibt es so einige. Aber als Sportler muss man damit umgehen können und daraus lernen. Im Sport gibt es meistens mehr Rückschläge als Erfolge. Am Ende muss man einfach ein Mal mehr aufgestanden sein als hingefallen. Ich möchte nach meiner Karriere als aktiver Sportler zurückschauen und sagen können, dass ich immer alles gegeben und mein Bestes versucht habe.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

Steckbrief Wilhelm „Willi“ Denifl

Geburtsdatum 10. November 1980 in Rum
Familienstand verheiratet mit Ute, zwei Töchter Nina und Hanna
Wohnhaft in Weißkirchen/Steiermark
Beruf Nordischer Kombinierer
Verein SV Innsbruck-Bergisel
Im Skisport seit 1989
Debüt im Weltcup 2000
Weltcupsiege 2 (davon 1 im Team, 1 Einzel)
Bester Rang Gesamtweltcup 8. (2012/13)
Olympische Medaillen 1 (Bronze im Teambewerb, Pyeongchang 2018)

Die elterliche Bäckerei wurde 1970 von Max und Emma Denifl in Mieders gegründet. Seit 1980 sind die Produktion und das Hauptgeschäft in der Medrazer Stille angesiedelt. In Fulpmes betreibt Denifl Brot eine Filiale. Bis 2012 war Willi Denifl im Betrieb tätig, im Dezember 2012 wurde das Unternehmen an Tochter Daniela und ihren Mann Thomas übergeben.

 

Die Marend‘ für dieses Interview wurde vom „Ötztal Bäck“ zur Verfügung gestellt und von den fleißigen Damen in der Filiale Längenfeld liebevoll hergerichtet und serviert. Vielen Dank an Jakob Schmid und sein Team für die bereitwillige Unterstützung!