Tiroler BäckerInnen

07.01.2019

Die Geschichte der Rauchmühle – Tradition und Innovation im Wandel der Zeit

Das Gebäude der Rauchmühle in Innsbruck ist ein markanter Blickfang im Osten der Stadt. Die Geschichte hinter dem Gemäuer ist noch eindrucksvoller: Zweimalige Vernichtung durch Brände, kompletter Einsturz durch Überschwemmung, zwei Weltkriege, Zeiten des Wiederaufbaues, Einführung modernster Technik. Bereits die sechste Generation führt den Betrieb erfolgreich.

Die Familie Rauch hat bis heute ihren starken Bezug zu Tirol bewahrt. Nicht von ungefähr ist es gelungen mit dem Rauchmehl ein unverkennbares und mit Farben verbundenes Bild einer Marke, eines Qualitätsproduktes, im Bewusstsein der Tiroler zu verankern. Der Weg von der Tradition bis zur Moderne war ein zielstrebiger und beständiger und das „grüne Mehl“ oder das „blaue Mehl“ gehen täglich und selbstverständlich durch die Hände von Menschen, die in ihren Küchen oder in der Backstube feine Lebensmittel erzeugen - von den Spätzle bis zum Brot, das Mehl ist unverzichtbare Grundlage. Aber wo begann dieser steinige Weg nach oben?

Tiroler Pioniere

Anton Rauch aus Kaunerberg verließ im Jahre 1809 das Tiroler Oberland, um in Innsbruck zu arbeiten. Die „Kindlmühle“ im Stadtteil Mühlau wurde der neue Arbeitsplatz. Bald darauf übernahm der junge Mann den Betrieb und gründete 1831 die „Rauchmühle“. Die Produktion nahm schnell Fahrt auf. Um mit den Anforderungen Schritt zu halten, suchte die Unternehmerfamilie innovative Lösungen für den Antrieb des Mühlrades. Die Leidenschaft für Technik war in jeder Rauch-Generation stark ausgeprägt. Gründersohn Leopold Rauch veranlasste etwa den Bau eines Kraftwerkes - damit kam 1888 mit der elektrischen Kraftübertragung eine große Innovation zur Umsetzung, wohlgemerkt erstmalig in Tirol.

Ein Schritt zurück, zwei voran


1892 fiel die Mühle einem zerstörerischen Feuer zum Opfer, ein großer Kraftakt des Wiederaufbaus folgte. Die Mühle wurde erweitert und als moderner Industriebetrieb geführt. Die nächste Herausforderung bestand nun im Transport des Getreides. Erneut waren fortschrittliche Ideen gefragt, um die betriebliche Entwicklung weiter voranzutreiben. Eine 1,2 Kilometer lange elektrische Lokalbahn, die erste elektrische Eisenbahn Tirols, wurde zwischen der Hauptbahnlinie und der Rauchmühle errichtet.

„Es ist eine Kunst!“

Bewegte Jahre – beständige Ziele

Der technische Vormarsch der Rauchmühle brachte ihr um 1892 die Bezeichnung Kunstmühle ein – nur Mühlen mit gegeneinander drehenden Stahlwalzen, wie sie auch heute im Einsatz sind, durften den Begriff der hohen Kunst des Mehlmalens tragen. Der heutige Geschäftsführer, Andreas Rauch, findet den Namen aktueller denn je – „immerhin ist es doch eine Kunst, das Innere eines Korns so exakt von der Schale zu trennen, um blendend weißes Mehl zu bekommen.“

Niederlagen stärkten

Auf die Jahre des erfolgreichen Aufstrebens folgte ein weiterer schwerer Rückschlag. Im August 1914 arbeitete sich der Mühlbach durch die Fundamente und schädigte die Gebäudesubstanz, bis es zum Einsturz der Mühle kam. Doch auch aus dieser Katastrophe ging ein Neubeginn hervor und der gesamte Betrieb wurde größer und leistungsstärker. Der erste Weltkrieg hinterließ seine Spuren, und als das Getreide knapp wurde, war man gezwungen Kastanien zu vermahlen. Mit folgenschweren Konsequenzen – die Mühlenmaschinen lösten einen Brand aus und die Mühle wurde 1919 zerstört.

Auf dem Weg zum Marktführer


Jetzt waren es die drei Söhne von Leopold Rauch, die sich für die Weiterführung des Betriebes entschlossen. Die Hallerstraße erschien als bester Standort für den Neubau, der 1923 in Betrieb ging und 1927 um den heute noch bestehenden Getreidesilo ergänzt wurde. Einige Jahre später erfolgte der Ankauf der Salzburger „Fisslthalermühle“. Entscheidenden Weitblick bewiesen die Verantwortlichen der Rauchmühle während des Zweiten Weltkrieges. Eine Ausweichmühle in Kirchbichl bei Wörgl wurde errichtet, sie sollte die Produktion gewährleisten, falls der Innsbrucker Betrieb durch Bombenangriffe zerstört würde. Die Rauchmühle in Innsbruck blieb ohne Schäden, aber mit dem Ende des Krieges ging die Lebensmittelversorgung in Tirol zur Neige. Der Zugriff auf die Vorräte in Kirchbichl machte es damals möglich, weiterhin Mehl zu produzieren.

Auch auf die Nebenprodukte der Mehlerzeugung, Kleie und Futtermehl richtete die Rauchmühle besonderes Augenmerk. Die Firma wurde ständig ausgebaut und technisch optimiert. Zu den Errungenschaften gehörte auch ein 1974 gebauter Getreidesilo in Innsbruck. Der Zusammenschluss der Rauchmühlen Salzburg und Innsbruck und damit die Positionierung als Marktführer Westösterreichs erfolgte 1997.

„Die Technik ist immer am neuesten Stand.“

Mehl wird heute schonender gemahlen

Der ständige Auf- und Ausbau des Traditionsbetriebs hat stets Raum für Innovation und Entwicklung geboten, dennoch sieht Andreas Rauch den behutsamen Umgang mit Kundinnen und Kunden, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und nicht zuletzt dem Produkt als wichtigste Aufgaben. „Die Maschinerie des Betriebes ist extrem vielfältig. Die Technik ändert sich laufend und ist immer am neuesten Stand. Die Funktion der Walzenstühle durchlief positive Technologieschübe und das Getreide kann heute schonender gemahlen werden. Im Gegensatz zu vor 150 Jahren enthält das Mehl jetzt keinen Steinabrieb mehr und von den massiven Industriemühlen ist man jetzt bei modernen Maschinen angelangt“.

Welche Farbe hat das Mehl?

Mit der individuellen Farbgebung der einzelnen Mehlsorten, eroberte sich das Rauchmehl ein Alleinstellungsmerkmal.  Die verschiedenfarbige Typisierung erfolgte in den 1950er Jahren, der Grafiker Anton Zelger hat gemeinsam mit der Familie Rauch einen Farbcode für die Produkte entwickelt. Dieser hat sich dann immer mehr erweitert. Und auch wenn das Mehl natürlich seine weiße Farbe stets beibehielt, haben sich doch in den Wortschatz der Tirolerinnen und Tiroler das „grüne Mehl“, das „blaue Mehl“, das „orange Mehl“ als selbstverständliche Begriffe etabliert.

„Unsere Kundenzeitung ist ein wertvolles Instrument.“

Kommunikation – Geschichten rund um Mehl und Mühle

Seit 2011 erscheint halbjährlich eine eigene Rauchmehl Zeitschrift für Kundinnen und Kunden. Die Ausrichtung des Blattes erstreckt sich von Geschehnissen am Markt und in der Mühle, von kulturellen bzw. historischen Artikeln bis hin zu Informationen über Seminare, Rezepte und die Vorstellung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. DI Stefan Pickl, der als Geschäftsführer für Verkaufsleitung und technische Angelegenheiten zuständig ist, steht redaktionell hinter dem Magazin. „Wir sehen unsere Kundenzeitung für Bäckerinnen und Bäcker als wertvolles Instrument bezüglich Kundenbindung und Imagepflege“, betont DI Stefan Pickl.

Der rege Austausch wird auch über den Kundenkreis hinaus gepflegt – der Bäckernachwuchs an der Berufsschule verwendet nicht nur das Rauchmehl, sondern wird auch laufend mit wissenswerten Neuigkeiten über Ernten und Getreidesorten versorgt. Betriebsführungen ergänzen das markennahe agieren und die Kommunikation mit der Ausbildungsstätte.

„Wir spüren Tirol.“

Tirol verbunden

In eine innige und dauerhafte Kommunikation ist die Rauchmühle auch mit dem Standort Tirol eingetreten. Die Verbundenheit, die sich bis in die 6. Generation gehalten hat, ist täglich spürbar. „Im Kern sind wir ein Tiroler Betrieb, von den Anfängen bis heute fühlen und spüren wir Tirol“, beschreibt Andreas Rauch den Geist des traditionsreichen Unternehmens.