Tiroler BäckerInnen

30.10.2018

Gutes Brot sorgt für bessere Bildung

Viele Schüler gehen morgens ohne ein gesundes Frühstück oder eine sinnvolle Jause aus dem Haus. Dabei stärkt ein ausgewogener Imbiss mit Vollkornbrot und Co. die Konzentration und gibt Kraft für den ganzen Tag. Eine Studie unterstreicht die Wichtigkeit einer vernünftigen Ernährung im Kindesalter. Schauspiel-Ikone Uschi Glas zeigte in Deutschland mit dem Projekt „brotZeit“ wie es geht – und hat an Tiroler Volksschulen damit einiges bewegt.

„Ohne Energie ist spätestens ab der dritten Schulstunde Schluss.“

Ein hungriges Hirn lernt nicht gern. Der Ernährungs- und Gesundheitsexperte, Mediziner und ehemalige Gymnasiallehrer Günther Thöni weiß, was ein nahrhaftes Pausenbrot für die Konzentration bedeutet: „Kinder haben sowieso schon Mühe, den ganzen Schultag lang aufzupassen. Aber ohne Energie für das Gehirn ist spätestens ab der dritten Stunde Schluss.“  Für eine Langzeitstudie hat er das Ernährungsverhalten von Jugendlichen einer heutigen Neuen Mittelschule zwischen 1995 und 2014 beobachtet und sie Tagebücher über ihr Essen führen lassen.

Gesundes Frühstück vermeidet Heißhunger

Das Ergebnis: Vor allem jene Kinder, die ausgewogen gefrühstückt hatten, ernährten sich auch über den restlichen Tag sinnvoller. Die „Nicht-Frühstücker“ holten sich während des Schultags meist schnelle Kalorien in Form von fettigen, salzigen oder süßen Snacks zurück. „Mit Schokoladen-Müsliriegeln zum Beispiel“, sagt Thöni. Seine Ergebnisse belegen, dass ein fehlendes Frühstück Aufschluss über den Wert von gesunder Ernährung in der jeweiligen Familie gibt. Aber auch, weil man bei Heißhunger meist Hochkalorisches bevorzugt.

Die ungesunden Frühstücksgewohnheiten von Kindern und Jugendlichen bleiben nicht ohne Folgen: Innerhalb seiner Studienzeit haben sich auch die Körperwerte der Schüler stetig verschlechtert, sagt Thöni. „Wir haben heute durchschnittlich sieben Prozent adipöse Kinder, das heißt, mit einem BMI über 30“, so der Ernährungsforscher. „25 bis 30 Prozent sind bereits übergewichtig.“ Auch Diabetes Typ 2 sei unter Kindern auf dem Vormarsch. „Da hieß es früher, das sei eine Alterserkrankung. Heute haben es 800 von 10.000 Kindern.“

Vollkornbrot in die Brotbox

Thöni glaubt nach der Beobachtung der Teenager, dass man bei Schülern insgesamt früher ansetzen muss als bisher: „Bei Zehn- bis Vierzehnjährigen ist die Ernährungsweise schon sehr gefestigt, das Thema ist nicht interessant und in den Neuen Mittelschulen ist Ernährungslehre sogar eher ein Angstfach. Wirklich aufnahmefähig sind die Kinder dafür wohl in der zweiten Hälfte der Volksschule.“ Und ohne Beteiligung der Eltern gehe es sowieso nicht.

„Halbherzige Angebote sind nicht hilfreich.“

Was Kinder teilweise in der Brotbox mitbekommen, ist aus Expertensicht oft katastrophal. „Da werden halbe Speckplatten vertilgt. Das sind aber alles keine Kinder, die schwer auf dem Feld schuften müssen.“ In den von ihm untersuchten Klassen hatten durchschnittlich nur zwei Kinder ein Vollkornbrot dabei.

Thöni sah sich für seine Studie auch an, welchen Effekt die gelegentliche „gesunden Jause“ hat, die es an vielen Schulen gibt. „So etwas verpufft.“ Er findet, verstreute, halbherzige Angebote seien nicht hilfreich, um das Ernährungsverhalten von Kindern und Jugendlichen wirklich zu prägen. „Da braucht es ein tägliches, gut begleitetes Angebot.“

Uschi Glas spendet Brot und Zeit

Ein tägliches Frühstück bietet der Verein brotZeit. Jeden Morgen vor Unterrichtsbeginn kommen rund 9000 Kinder zu den Projekten, die die Schauspielerin Uschi Glas ins Leben gerufen hat. Die Kinder können sich auf einem reichhaltigen Buffet mit 29 verschiedenen Lebensmitteln selbst aussuchen, was sie essen möchten. Der Verein konzentriert sich auf sogenannte Brennpunkt-Schulen in ganz Deutschland. Die vollwertige Ernährung soll den Kindern auch Chancengerechtigkeit ermöglichen.

„Brot steht für das Frühstück.“

Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal der Arbeit von „brotZeit“ ist, dass Senioren die Kinder aus teilweise schwierigen Milieus liebevoll in den Tag begleiten. Sie bereiten nicht nur das Buffet vor, sondern hören ihnen zu und geben Halt. „Wir haben den Namen ‚brotZeit‘ gewählt, weil Brot für das Frühstück steht und Zeit für die Zeit, die wir mit den Kindern verbringen“, erklärt Uschi Glas in einem Interview.

Das wirke sich auf die Stimmung in den Klassen aus: „Wir beobachten an den Schulen, die wir betreuen, dass die Aggression unter den Kindern wesentlich zurückgeht, nahezu auf null, weil die Kinder sich im Frühstücksraum kennenlernen und miteinander essen.“ Diese wertvolle, gemeinsame Mahlzeit sei auch besonders wichtig, damit diese Kinder im Unterricht konzentriert mitarbeiten können. Der Effekt: Nicht nur ihr Sozialverhalten, sondern auch ihre schulischen Leistungen verbessern sich laut Studien deutlich.

Die Idee macht Schule

Ein ausgewogenes Frühstück mit Schwarz- oder Vollkornbrot, Müsli, saisonalen und regionalen Früchten bzw. Rohkost oder Belägen wie Topfenaufstrich und Putenwurst – das bekommen auch die Kinder an sechs Innsbrucker Volksschulen beim „Breakfast Club“ der Tiroler Volkshilfe. Mit einem Beitrag von 50 Cent pro Essen beteiligen sich die Eltern finanziell am Frühstück ihres Kindes – zusätzlich zu Förderungen von der Stadt oder Sponsoren wie den Innsbrucker Kommunalbetrieben. Insgesamt werden pro Jahr etwa 3.900 morgendliche Mahlzeiten aufgetischt.

Inspiriert von „brotZeit“ will die Tiroler Volkshilfe damit die Versorgungslücke in manchen Familien schließen. „Es gibt Eltern, die beginnen viel früher mit der Arbeit als der Unterricht ihrer Kinder. Die Schüler haben aber um halb sieben noch keinen Hunger und gehen am Ende ohne Essen aus dem Haus“, sagt Kerstin Egger von der Volkshilfe.

Diese Situation hat auch schon die Gemeinde Kufstein zum Handeln veranlasst: Sie richtete im Schuljahr 2016/2017 ebenfalls eine Frühstücksbetreuung für ihre Volksschüler ein.

Das gemeinsame Frühstück wird zum Erlebnis

Wie viele Kinder in ganz Tirol mit Frühstück oder Jause unterversorgt sind, kann Egger nicht sicher sagen. „Auch in finanziell schwächeren Familien ist echter Hunger vermutlich weniger das Problem.

„Es geht um die Qualität.“

Es geht eher darum, in welcher Qualität und in welchem Rahmen ein Frühstück stattfinden kann“, sagt sie.

Den Eindruck bestätigt Ernährungsexperte Thöni aufgrund der Tagebücher seiner Studienteilnehmer: „In vielen Familien fehlt leider auch unter der Woche die Zeit, um das gemeinsame Essen zu einem bewussten Erlebnis zu machen“, sagt er. „Die Eltern kommen erschöpft von der Arbeit und stellen schnell etwas auf den Tisch. Das ist ja verständlich.“

Das alltägliche Erlebnis des gemeinsamen Essens steht darum auch beim Innsbrucker Breakfast Club im Vordergrund: „Bei uns gibt es für die Kinder kein perfektes Catering, mit Marmelade in kleinen Portionspackungen. Es ähnelt eher dem Zusammensein einer Großfamilie“, sagt Egger. „Da wird vom großen Schwarzbrot-Laib abgeschnitten und auch mal das Brot vom Vortag aufgefrischt. Wie zuhause eben.“