Tiroler BäckerInnen

10.07.2018

Brot & Salz, Gott erhalt's

Zum neuen Heime wünschen wir,
dass ihr glücklich und zufrieden seid.
Zu eurem Einzug haben hier
zwei Gaben wir bereit:

Das Brot, es gehe niemals aus,
und Salz, das würze jeden Schmaus,
solange ihr hier weilt
und euer Brot mit guten Freunden teilt.

Solange ihr habt Salz und Brot
bleibt ferne von euch alle Not.

Friedrich Rückert, 1788-1866

Keine Einweihungsparty ohne Brot & Salz. Das traditionelle Gastgeschenk erlebt in den letzten Jahren in vielen Variationen ein Revival, auch unter jungen Leuten. Meist im Korb oder auch in zahlreichen kreativen Variationen überreichen Gäste ihren Gastgebern zum Einzug ins neue Zuhause einen Laib Brot und Salz im Beutel oder Glas. Ein Brauch mit langer Geschichte, wie der Brot-Historiker Karl Eller weiß: „Die Gepflogenheit ist gerade in Tirol – im ländlichen Raum generell – in verschiedenen Ausprägungen über viele Jahrhunderte nachweisbar. Früher gab es zum Beispiel die »Weisat«, was vom lateinischen »visitare«, also besuchen, kommt. Da brachten die umliegenden Bauern einer jungen Mutter zur Geburt des Kindes Brot, Salz und Eier ans Wochenbett. Also durchaus notwendige und kräftigende Nahrungsmittel, aber gleichzeitig auch Gaben von hohem symbolischen Wert als Zeichen von Leben und Fruchtbarkeit.“

Das täglich’ Brot, Ritus & Glaube

Brot hat im Volksglauben vieler Kulturen seit jeher eine hohe symbolische und spirituelle Bedeutung. Die Verehrung von Getreide & Brot geht zurück bis in die Jungsteinzeit bzw. die Zeit der Hochkulturen: Getreide wurde in zahlreichen Ritualen im Jahreslauf hoch verehrt. Die Körner waren ja extrem lange haltbar und man konnte aus ihnen jederzeit leicht ein gut schmeckendes, leicht verdauliches Lebensmittel herstellen. Die Griechen verehrten Demeter, die Römer Ceres, beide Göttinnen des Getreides und der Fruchtbarkeit. Die Brotsymbolik, wie wir sie heute kennen, stammt aus dem Mittelalter, wie Eller ausführt: „Missionare haben dieses uralte Kulturgut letztlich von den Römern übernommen, mit christlichen Motiven neu aufgeladen und über Jahrhunderte im Alpenraum verbreitet. Nicht umsonst gilt Brot heute als DAS christliche Symbol schlechthin. Gerade in der Kommunion ist »der Leib Christi« mit höchstem Symbolwert ausgestattet“, betont Karl Eller. Die Menschen empfanden das »tägliche Brot« und das »Salz in der Suppe« als Geschenke Gottes, die erbeten werden mussten. Im tiefen Volksglauben wurden die Himmelsgeschenke auch zu Abwehrmitteln gegen das Böse. Der Teil mit »Gott erhalt’s« im wohl bekanntesten Brotspruch ist somit erklärt. Aber was hat es mit dem Salz auf sich?

Brot hat im Volksglauben vieler Kulturen seit jeher eine hohe symbolische und spirituelle Bedeutung.

Das »Gold des Mittelalters«

Heute immer und überall verfügbar, zählte Salz einst zu den kostbarsten Besitztümern eines Haushaltes. Nicht umsonst ist es auch als »Gold des Mittelalters« bekannt und wurde in früheren Zeiten in Gold aufgewogen: „Salz hatte einst größte Bedeutung als Konservierungsmittel. Nur durch Einlegen in Salz konnten Lebensmittel haltbar gemacht werden. Für die einfachen Leute war es enorm schwer zu bekommen und dementsprechend wertvoll“, erinnert Karl Eller an Zeiten, als Salz alles andere als inflationär und ein potenzielles Gesundheitsrisiko wie heutzutage war. In der richtigen Dosierung verwendet, ist es jedoch immer noch ein lebensnotwendiges Grundnahrungsmittel. Wer Salz überbringt, wünscht dem Beschenkten also – ganz profan formuliert – die nötige Würze im Leben. Außerdem Schutz vor bösen Geistern im Haus – was auch immer man darunter verstehen mag...

Nicht umsonst ist Salz auch als »Gold des Mittelalters« bekannt und wurde in früheren Zeiten in Gold aufgewogen.

Brot & Salz sind weniger ein praktisches Geschenk als vielmehr Glückssymbole und Segen. Brot gilt als heilige Speise, als Symbol des Lebens und der Lebenskraft, steht für Wohlstand und Glück, Sesshaftigkeit und Gemeinschaft. Salz steht für die Bewahrung des Lebens und die nötige Würze. Beide Gaben sollen auch vor allerlei Ungemach im neuen Zuhause schützen.

Auf gute Nachbarschaft

Früher war man vor allem am Land auf Gedeih und Verderb auf eine gute Nachbarschaft angewiesen. Die Nachbarschaftshilfe war gelebte Praxis und überlebensnotwendig. Auch hier lassen sich Anknüpfungspunkte finden. Karl Eller interpretiert die moderne Ausprägung des alten Brauches: „Wer Brot & Salz überreicht, sagt damit auch »Herzlich willkommen, Nachbar. Schau her, ich habe mir Gedanken gemacht. Ich greife auf eine alte Tradition und Werte zurück, die auch in einer säkularisierten Welt nichts an Bedeutung verloren hat. Ich überreiche dir Glückssymbole und heiße dich herzlich willkommen«.“

Wer Brot & Salz überreicht, sagt damit auch »Herzlich willkommen, Nachbar. Schau her, ich habe mir Gedanken gemacht«.

Zur Person

Mag. Karl Eller aus Steinach, Baujahr 1951, ist gelernter Bäcker. 1969 wurde er sogar beim Bundeslehrlingswettbewerb als zweitbester Bäcker Österreichs ausgezeichnet. Der weitere berufliche Lebensweg führte ihn nach Matura und Lehramts-Ausbildung als Berufsschullehrer für wirtschaftliche Gegenstände und politische Bildung in eine ganz andere Richtung. Dem Brot aber ist er immer treu geblieben. Er hat an der Uni Innsbruck Geschichte mit den Schwerpunkten Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Volkskunde und Ernährungsethnologie sowie Politikwissenschaft studiert. Seine Diplomarbeit »Die Brotherstellung im Zeitenwandel« gilt als Standardwerk der Tiroler Brot-Historie.