Tiroler BäckerInnen

09.07.2020

Wenn über Nacht deine Lebensgrundlage wegbricht

Umsatzeinbußen von bis zu 80 Prozent: Wie ein Keulenschlag traf der coronabedingte Lockdown Tirols Bäckereien. Es schmerzte sehr, als in Generationsbetrieben für eine Zeit lang die Öfen nur teilweise angefeuert werden konnten und mit reduzierter Mannschaft gebacken wurde.

Könnte eine zweite Corona-Welle auf Österreich zukommen? Diese Frage hört und liest man in letzter Zeit wieder öfter in den Medien. Karl Steiner, Bäckermeister aus Huben bei Matrei in Osttirol, möchte nicht daran denken. Keiner möchte das. Eigentlich will man generell nicht mehr über Corona und die Zeit des Lockdowns sprechen. Schließlich waren es speziell für kleine Unternehmen, wie regionale Nahversorger, Monate voller Ungewissheit, Sorgen und Existenzängste.

Ich weiß nicht, ob wir so etwas noch einmal überstehen würden.“ - Karl Steiner, Bäckermeister aus Matrei in Osttirol

Umsatzeinbrüche ohne Ende

„Irre“ trifft es wohl am besten, wenn man versucht zu beschreiben, was da im März passiert ist. „Es ging alles sehr schnell. Die Hotels und Pensionen haben zugesperrt, unser wichtigster Geschäftszweig ist innerhalb weniger Tage komplett weggebrochen“, schildert Steiner.

Und dann haben wir statt 9.000 Semmeln pro Tag nur noch 400 Stück produziert.“  - Karl Steiner, Bäckermeister aus Matrei in Osttirol

Ähnlich sieht die Lage im Pitztal aus. Als einzige Bäckerei im Tal beliefert das Team rund um Bäckermeister Andreas Schranz die Häuser von Mittelberg bis Jerzens und Wenns. Hotels und Privatvermieter sind dabei die größten Abnehmer.

Wir haben enorme Umsatzeinbußen zu verzeichnen. Der April war der schlimmste Monat.“ - Andreas Schranz, Bäckermeister aus St. Leonhard im Pitztal

Wie eine große Wolke schwebt(e) das Virus über uns

Niemand hat mit so einer abrupten Stilllegung der Backstube gerechnet. Verständlich, dass sich die Chefs in dem Moment gefragt haben, ob sie das Richtige tun. Jede Entscheidung, die man trifft, ist mit großer Unsicherheit verbunden. Mitarbeiter wurden erst in den Urlaub geschickt, anschließend in Kurzarbeit. Anweisungen des Bundesministeriums wurden befolgt, Masken getragen, Öffnungszeiten angepasst, Plexiglaswände errichtet. Am Ende des Tages lag es in den Händen der Bäckermeister und deren Teams, das Bestmögliche aus der Situation zu machen.

Die Krise gemeinsam meistern

In Osttirol übernahm Chef Steiner kurzerhand selbst den Lieferdienst. Zusammen mit seiner Frau brachte er frisches Brot und Gebäck bis an die Haustür der Kunden. Täglich standen neue Routen am Fahrplan, um das Gebiet rund um das Defereggental bestmöglich zu versorgen.

Es freut uns, dass die Einheimischen so fleißig bei uns bestellt haben und den Lieferdienst vermehrt in Anspruch genommen haben.“ - Karl Steiner, Bäckermeister aus Matrei in Osttirol

In der Bäckerei Schranz nutzte man die Zeit, um an Rezepten zu tüfteln. Mit neu kreierten Gebäcken wurde den Pitztalern das Handwerksbrot besonders schmackhaft gemacht. Auf die traditionellen Köstlichkeiten zu Ostern oder für den Muttertag musste selbstverständlich auch niemand verzichten. Außerdem erhielten die Kunden liebevoll zusammengestellte Sackerln, versehen mit einem Dankesschreiben und den treffenden Worten:

Die Chance jeder Krise liegt darin, dass wir zurückgeworfen werden auf das, was wesentlich ist, auf das, was uns verbindet und unser Menschsein ausmacht.“ - von Martina Pokorny, zu lesen auf den Sackerln der Bäckerei Schranz

Was bleibt

Das positive Feedback der Kunden, die vermehrte Wertschätzung des Handwerks, der Zusammenhalt der Mitarbeiter, die Besinnung auf das Wesentliche. Das sind die Werte, die den Tiroler Bäckereibetrieben den nötigen Optimismus verleihen. Denn leicht wird der Weg zurück in die „neue Normalität“ sicher nicht.